Erziehung: Worum geht es eigentlich?

Das Familienleben kann wunderschön sein. Und doch kommt es immer wieder zu Situationen, die anstrengend sind. Oftmals sind es die kleinen Dinge im Alltag, wie zum Beispiel das alltägliche Zähneputzen vor dem Schlafengehen. Ein kleiner Einblick zur grossen Frage, worum es eigentlich im Zusammenleben geht. 

Erziehung - Familie - Mindfulness Magazine

Es ist Schlafenszeit für unseren zweienhalbjährigen Sohn. Eigentlich schon später als Schlafenszeit. Wir stehen im Badezimmer und ich unternehme den verzweifelten Versuch, das Kind zum Zähneputzen zu bewegen. Absolut keine Chance. Ich spüre, wie ich langsam ungeduldig werde und Wut aufsteigt. Jetzt haben wir doch heute Abend extra noch zwei Büchlein angeschaut, noch extra fünf Lieder gesungen, beim Pyjama anziehen extra lang Guggus-Dadaa gespielt. Wir haben uns extra Zeit gelassen, obwohl es schon so spät ist und der kleine Mann morgen früh raus muss, damit er rechtzeitig vor der Arbeit in der KiTa ist. Und jetzt fehlt die Kooperationsbereitschaft seitens unseres Sohnes für das Zähneputzen.

Um welchen Preis?

Ich nehme einen tiefen Atemzug. Und mich überrollt eine innere Gedankenflut. Gedanken, wie „Lass ihn doch, ist doch nicht schlimm, wenn er heute mal ausnahmsweise nicht Zähne putzt.“ bis hin zu „Das geht doch nicht, ein Kind muss Zähne putzen!“ und  „Es ist mir wichtig, dass die Zähne meines Kindes gesund sind, deswegen muss er unbedingt Zähne putzen.“. Ja es stimmt, es ist mir wichtig, dass die Zähne gesund sind. Aber um welchen Preis? 

Während unser Sohn mit Duschkopf und Seife „sägen“ spielt, gehe ich zu meinem Mann in die Küche und gemeinsam beratschlagen wir, was zu tun ist. Wir entscheiden, dass wir heute das Zähneputzen nicht "durchboxen". Warum? Weil es an diesem Abend keinen Sinn machen würde. Warum? Weil er Liebe und Anerkennung braucht. Warum? Weil er heute den ganzen Tag in der KiTa war und wenig Zeit mit uns hatte. Weil die Zeit mit uns bedeutsam für ihn ist. Ich gehe zu unserem Sohn zurück, nehme ihn auf den Arm und sage ihm, dass wir heute ausnahmsweise keine Zähne putzen, dass es ok ist und aber wirklich eine Ausnahme ist. Er schmiegt sich liebevoll an meine Schulter. 

Während wir Richtung Schlafzimmer spazieren - die Arme unseres Sohnes sind fest um meinen Hals geschlungen - erscheint vor meinem inneren Auge der letzte Zahnarztbesuch. Die Zahnärztin redet belehrend auf mich ein: "Für eine gute Zahngesundheit ist es sehr wichtig, dass unsere Kinder morgens und abends für drei Minuten ihre Zähne putzen!". Ich versuche den Gedanken loszulassen und übe mich im Vertrauen, dass wir das Theater um das Thema Zähneputzen "ja" oder "nein" nicht jeden Abend vorfinden. Ich vertraue darauf, dass unser Sohn versteht, dass es eine Ausnahme ist. Und dass es ihm bald selbst einleuchtet, wie wichtig Zähneputzen ist. Ich beobachte, wie Druck von mir abfällt.

Er schlief dann innerhalb von zehn Minuten ein. Und was passierte in den Tagen darauf? Die Frage, ob die Zähne geputzt werden sollten entstand nicht. 

Gibt es die perfekte Erziehung?

Manchmal können wir die Dinge loslassen, im Vertrauen, dass es in diesem Moment das "Beste" für uns ist. Oftmals hören wir dann, wie wichtig es ist, mit unseren Kindern konsequent umzugehen. In diesem Zusammenhang hören wir dann auch oft, dass unsere Kinder Führung brauchen. Ich stimme zu, dass Begleitung und in gewissen Themen auch Lenkung notwendig ist. Aber nicht um den Preis, alles perfekt machen zu wollen. Denn das „Perfekte“ gibt es in meinen Augen nicht. Es ist immer ein Abwägen von dem, was uns wichtig ist und was wir loslassen können. Ich würde wahrscheinlich anders reagieren, wenn unser Sohn regelmässig das Zähneputzen verweigern würde. Dann müssten wir als Eltern neu abwägen und nach neuen Lösungen suchen. Ich glaube, dass die Fragestellung der richtigen Abwägung in diesem Moment sehr zentral ist. Sonst machen wir uns verrückt. Sonst sind wir nicht ehrlich zu uns selbst. Und das spüren unsere kleinen „Wirbelwinde“ am Allermeisten.