Im Interview mit Sara Nuru – Zurück zu den Wurzeln

Sara Nuru ist nicht nur als Model bekannt, die 2009 als erste „Person of Color“ die Castingshow Germanys next Topmodel gewann, sondern vor allem in den letzten Jahren in ihrer Rolle als Unternehmerin für nuruCoffee und nuruWomen Fuß gefasst und gemeinsam mit ihrer Schwester Sali Frauen in Äthiopien unterstützt. Sie gilt als vielschichtige, mutige, junge Frau mit einer enormen Strahlkraft und folgt schon immer ihrem Herzen. 
 
Wie Sara den Prozess aus dem Scheinwerferlicht und der schnelllebigen Modelwelt zurück zu ihren Wurzeln erlebte und sich ihr Leben seither von Grund auf veränderte, durfte ich im Interview mit ihr in Erfahrung bringen.

Sara Nuru
Foto: Robert Rieger

Liebe Sara. Ich habe dich 2019 auf der Bühne eines Festivals von Laura Seiler erleben dürfen. Du hast gemeinsam mit deiner Schwester Sali eine Stunde Kaffee zubereitet und uns Zuschauer*innen in deine Geschichte eintauchen lassen. Ich erinnere mich heute noch an den feinen Kaffeeduft, aber viel mehr an das Gefühl, was dein Auftritt in mir ausgelöst hat. Ein Gefühl von tiefer Demut gegenüber den Rohstoffen unseres Planeten, aber auch ein „Ja“ immer auf die eigene innere Stimme zu hören, wenn wir einmal unseren Weg bzw. unsere Wurzeln aus den Augen verloren haben. Die Zubereitung hin zum feinen Kaffee war so wertvoll und achtsam. Ich konnte spüren, wie du deinen Weg gefunden hast. Das hat was in mir ausgelöst.

Nun hast du erst vor kurzer Zeit dein Buch „Roots“ veröffentlicht. In diesem Buch erzählst du die Geschichte, wie du nach deiner Model Karriere zurück zu deinen Wurzeln gefunden hast und mittlerweile gemeinsam mit deiner Schwester Sali ein Social Business nuruCoffee und nuruWomen gegründet hast. Was war das Schlüsselerlebnis bzw. der Schlüsselmoment zu dieser Entscheidung?

Dazu muss ich etwas ausholen. Denn ich hatte ja schon mehrere Beweggründe, warum ich mich dazu entschlossen habe, neue Wege zu gehen. Schon in jungen Jahren hatte ich zeitgleich zu meiner Karriere als Model das Glück, als Botschafterin der NGO „Menschen für Menschen“ nach Äthiopien zu reisen. So kam ich das erste Mal in Berührung mit den Wurzeln meiner Eltern. Auf dieser Reise wurde ich nicht nur mit direkter Armut, sondern auch mit meinen Privilegien konfrontiert. Privilegien nicht nur, weil ich Germanys next Topmodel gewonnen habe, sondern vor allem, weil ich das Glück hatte, in Deutschland geboren zu sein. Es war ja eher Zufall und Glück, dass meine Eltern nach Deutschland geflüchtet sind. Wir hätten genauso auch in Äthiopien aufwachsen können, wenn es das Schicksal so gewollt hätte.

Diese Konfrontation hat in mir sehr viel bewegt. Zu wissen, wie gut es mir geht und wie privilegiert ich eigentlich bin. Genau dieses Gefühl habe ich seit diesem Zeitpunkt immer mit mir herumgetragen. Auch der Gedanke, dass ich eigentlich die Chance mit der Arbeit als Model und dieser einhergehenden Bekanntheit besser nutzen sollte, um mehr auf Dinge aufmerksam zu machen, die weniger Gehör bekommen. Zu wissen, dass ich diese Chance eben nicht nutze und stattdessen in einem System bin, was sich mit so viel Oberflächlichkeiten beschäftigt, hat dazu geführt, dass ich überhaupt so einen Ausweg gesucht habe. So einen richtigen Auslöser gab es nicht. Es war ein immer mitschwingendes Gefühl, das über die Jahre und die vielen Reisen nach Äthiopien immer stärker wurde.

Jedoch gab es da ein spezielles Ereignis. Im Rahmen eines Moderationsjobs habe ich einen Eisbecher promoted und dieser Eisbecher hat tatsächlich ca. 1000 Dollar gekostet. In diesem Moment war es für mich sehr klar zu sehen, dass ich an einem Punkt bin, an dem ich wusste, dass ich etwas verändern muss und diesen Job so in dieser Form nicht mehr machen kann und möchte.

Ich kann nicht auf der einen Seite über Äthiopien sprechen sowie die Bedürftigkeit dort und andererseits die Idee unterstützen, dass ein so teurer Eisbecher erstrebenswert sei. Dieser Zwiespalt war so offensichtlich und falsch in meinen Augen, dass ich anders gar nicht mehr konnte, als mich dazu entscheiden, neue Wege zu gehen. Ich musste jedoch erst all diese Erlebnisse und Erfahrungen und auch jene in Äthiopien machen, damit ich überhaupt ein Verständnis dafür bekam, dass die Welt im Scheinwerferlicht so nicht meinen Werten entspricht oder dem, was ich vermitteln möchte.

Wenn wir über "Wurzeln" sprechen, was bedeutet das Wort für dich genau?

Das ist für mich wie ein Kompass. Eine Art Richtlinie fürs Leben. Die Wurzeln sind da, aber nicht immer offensichtlich. Man muss diese erst ergründen, da sie einen unterbewusst immer durchs Leben leiten. Wenn man diesen Kompass versteht und die eigenen Wurzeln kennt, dann kennt man sich selber auch und versteht, warum man so ist, wie man ist. Gleichzeitig bedeutet Wurzeln für mich aber auch Familie und Aufklärung. Als ich durch die Reisen so viel über die Herkunft meiner Eltern in Äthiopien, die Kultur dort und alles verstanden habe, habe ich mich selbst auch ein Stück weit mehr verstanden und auch die Art und Weise, wie ich aufgewachsen bin und erzogen wurde. Wurzeln sind für mich ein hilfreicher Wegweiser, wenn man ihn richtig lesen lernt und auch möchte.

Hattest du schon viel früher so ein tiefes Gefühl in dir, dass etwas anderes auf dich wartet, von dem du nur noch nicht wusstest, was es genau ist?

Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass ich jemals so ein Leben lebe und mich selbst so verwirklichen darf. Durch Germanys next Topmodel sind mir so viele Türen geöffnet und Perspektiven ermöglicht worden. Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen - einer klassischen Arbeiterfamilie. Meine Eltern haben uns Kinder - 4 Schwestern - jedoch sehr selbstbewusst erzogen. Uns wurde immer wieder vermittelt, dass das Leben grenzenlos ist und wir alles erreichen können, was wir nur möchten, wenn wir dafür auch arbeiten und uns darum bemühen. Ich wusste daher auch insgeheim schon sehr früh, dass ich meinen Platz im Leben finden werde, aber wo und wie, das war mir nicht bewusst.

Mit diesem Mindset aufgewachsen, glaube ich nicht, dass alles im Leben einfach passiert und Glück einfach kommt. Ich glaube vielmehr, dass Glück eine bewusste Entscheidung ist und man für sein Glück verantwortlich ist und auch beeinflussen kann. So muss man sich eben auch bewusst dazu entscheiden, die Chancen und Möglichkeiten wahrzunehmen, die sich einem ergeben und sich auch dazu entscheiden, den eigenen Weg zu gehen.

Wie war der Prozess für dich bis hin zur Entscheidung, dass du mit Modeln aufhörst? 

Als ich mich dazu entschieden habe, aus dem Modelbusiness auszusteigen, hatte ich keinen Plan B. Es war also ein „Cut“, ohne zu wissen, was danach passiert. Irgendwann war mir jedoch bewusst, ich kann und möchte das so nicht mehr. Ich wusste nicht, was ich möchte, aber ich wusste, was ich NICHT möchte. Ich finde es sowieso immer schwieriger zu wissen, was man will, als was man nicht will. Dieser „Cut“ ist auch nicht von heute von auf morgen passiert. Es war ein Prozess über einige Jahre. 4 Jahre habe ich das mit dem Modeln in dieser Art und Weise so mitgemacht. Ich war nicht immer glücklich und habe trotzdem funktioniert.
Nach diesen Jahren gab es eine längere Phase, in der ich mich ein wenig verloren fühlte. In dieser Zeit war mir nicht bewusst, wer ich wirklich bin, was ich möchte, was meine Daseinsberechtigung ist und für was ich eigentlich einstehen möchte. Hier kamen die größten Zweifel auf. Ich habe dann auch recht impulsiv entschieden, dass ich aus dieser Modelwelt raus möchte und mich daraufhin auch schnell von meiner Agentur getrennt.
Im Nachhinein zu überlegen, ob diese Entscheidung die richtige war, war nicht wirklich einfach. Meine Schwester Sali, meine heutige Geschäftspartnerin und damals Mitbewohnerin, hat mir immer wieder einen Spiegel vorgehalten, wenn ich meine Beweggründe vergessen habe. Sie hat mich so daran erinnert, warum ich diesen alten Weg nicht mehr weitergehen wollte und es eine bewusste und keine spontane Entscheidung von mir war. Man braucht manchmal die innerliche Bestätigung, dass die eigenen Entscheidungen auch die richtigen sind. Oft zweifelt man an den Entscheidungen, weil man nicht weiß, was danach kommt. Wir Menschen wiegen uns gerne in Sicherheit, Beständigkeit und Struktur. Und wenn diese nicht greifbar sind, kommen Zweifel und Unsicherheiten auf.
Was mir in dieser Zeit auch sehr geholfen hat, war mein innerliches Urvertrauen, dass alles gut kommen wird. Ich hatte nichts zu verlieren und deswegen war es auch ok so. Für mich war klar, es ist jetzt vorbei und ich musste eine neue Existenz für mich suchen. Das hat mich auch erfinderisch werden lassen. Ich war schon mit dem Rücken an der Wand. Solch eine Situation führt auch dazu, dass man weiter denkt und nicht in dieser Ohnmacht verharrt.

Die Welt im Scheinwerferlicht ist eine sehr schnelllebige und oft auch oberflächliche. Wenn du dein Leben damals zu jetzt vergleichst, was hat sich verändert?

Mein Leben jetzt ist viel selbstbestimmter und nicht mehr fremdbestimmt. Es ist befreiend zu wissen, dass ich nun mit meinem eigenen Unternehmen und Verein und mit meiner Schwester Sali in einem Prozess bin, wo wir selbst viel Mitspracherecht haben. Auch dieses vorausschauende und langfristige Planen gefällt mir sehr gut sowie die Dinge selbst in der Hand zu haben. Wir stecken so viel Energie und Liebe in unsere Arbeit. Es ist kein Sprint oder „nur“ ein kurzweiliger Job und morgen abgehakt. Es ist unser Baby, was wir langfristig aufbauen wollen. Das gibt uns irgendwo auch eine gewisse Sicherheit. Wir wünschen uns auch, dass das alles noch sehr lange hält und uns vielleicht sogar überdauert. Ein riesen Unterschied zu dem Job im Modelbusiness. 
Diese Modeljobs sind endlich. Ein Job kommt, man führt ihn schnell durch, danach ist er abgehakt und es folgt der nächste. Nichts ist wirklich sicher und beständig. Alles superschnelllebig und oberflächlich. Im Modeln hat man auch immer diese Position, dass andere bestimmen, ob du gut genug oder geeignet genug für den Job bist. Diesen Unterschied von damals zu heute zu sehen ist wunderschön. Das alles gibt dem, was ich mache, eben auch eine besondere Wertigkeit.

Bist du der Meinung, dass jede Erfahrung - auch die als Model - dazu notwendig war, deinen Weg zu finden? 

Absolut. Ich bin unglaublich dankbar für die Erfahrung, die ich durch das Modeln machen durfte. Ironischerweise habe ich heute wieder richtig Freude an diesem Job. Weil ich teils nur aus dem Koffer lebte, habe ich mich nach nichts mehr gesehnt, als nach einem 9 to 5 Job und zu wissen, wann ich ins Büro muss und wann der Arbeitstag zu Ende ist. Man glorifiziert immer das, was man nicht hat. Und jetzt schätze ich es auch wieder zwischendurch am Set zu sein. Meine Ansichten zum Job haben sich über die Zeit hinweg gewandelt. Ich bin nicht mehr der Ansicht, dass mich dieser Job definiert. Ich bin nicht mehr nur das Model oder in Abhängigkeit zu Menschen, welche mich und meine Arbeit bewerten müssen. Das alles hat mir diesem Job gegenüber mehr Leichtigkeit und Offenheit geschenkt. Ohne diese Plattformen hätten wir nicht diese finanziellen Möglichkeiten erhalten, nuruCoffee und nuruWomen so aufzubauen. Dafür bin ich sehr dankbar. Aufgrund der Modeljobs, die ich auch heute noch durchführe, können wir nuruCoffee und nuruWomen selbst finanzieren. Der größte Etrag geht nach Äthiopien.

Fühlst du dich in dir angekommen? 

Ich fühle mich mittlerweile sehr in meiner Mitte angekommen. Rückblickend und nach 11 Jahren bin ich jetzt in der glücklichsten, schönsten und erfülltesten Situation, die ich mir so niemals erträumt hätte. Auch in der Zusammenarbeit mit meiner Schwester und dass unsere Idee nun auch Hand und Fuß hat. Wir an einem Punkt angekommen sind, dass die Menschen unser Unternehmen auch ernst nehmen, wo sie uns am Anfang noch ein klein wenig belächelt haben. Das ist ein sehr sehr schönes Gefühl und macht einen wirklich stolz.

Hatten Sali und du schon immer solch eine tiefe Verbindung und wie ist es zur gemeinsamen Gründung gekommen?

In der Transformationsphase, wo ich mich vom Modeln getrennt habe und meine Schwester Sali mir den Spiegel vorgehalten hat, während wir zusammen in Berlin in einer WG wohnten, sind wir auch enge Freundinnen geworden. Mit all meinen Geschwistern sind wir sehr eng, aber mit Sali ist es etwas Besonderes. Es macht viel aus, wenn man mit seiner Familie zusammenarbeitet. Diese bedingungslose Liebe schwingt immer mit. Für uns gibt es jedoch einen besonderen Grundsatz: An erster Stelle sind wir immer Schwestern und dann erst Geschäftspartnerinnen. Was uns auch zu Gute kommt, denn wir handeln in jeder Hinsicht im Interesse des Gegenübers und im „Wir“. Wir fragen uns immer, was gut für uns und das Unternehmen ist und nicht für die eigene Bereicherung. Wir verstehen uns da blind, teilen die gleichen Werte und Vorstellungen. Auch sind wir beide sehr unterschiedlich, was uns einfach super ergänzt.

Was ist der Zweck von nuruCoffee und nuruWoman? 

Wir wollen mit nuruCoffee den Kaffeehandel in Äthiopien positiv beeinflussen und ein Bewusstsein für nachhaltigen Konsum schaffen. Gleichzeitig unterstützen wir Frauen vor Ort, sich eine selbstbestimmte Existenz aufzubauen, denn es sind immer noch Frauen, die in der Wertschöpfungskette am meisten benachteiligt werden. (Quelle: saranuru.com)

Viele Menschen - auch gerade in der gegenwärtigen Zeit - fühlen sich häufig rastlos oder entwurzelt. Was möchtest du diesen Menschen gerne zum Abschluss dieses Interviews mit auf den Weg geben. 

Wir alle sind im Grunde immer auf der Suche und werden immer auf der Suche sein, egal, ob man nun die eigenen Wurzeln kennt oder nicht. Es ist im Menschen verankert, dass er ständig auf der Suche nach Antworten ist und sich optimieren möchte.
 
Ich glaube, es ist wichtig, die bewusste Entscheidung zu treffen, sich einen Moment der Ruhe zu erlauben. Damit man in sich kehren kann, um diese Unsicherheiten und Fragen zu klären. In diesem Raum findet man dann auch sehr viele Antworten und innerliche Balance. So war es jedenfalls bei mir und so ist es auch immer noch. 

Sara in 3 Worten:

Wissenshungrig, unvoreingenommen und im Moment.

Saras Lieblingszitat: 

Ein Zitat meiner Mutter:

„Schaue nie auf die, die mehr haben als du, sondern auf die, die viel weniger haben und sei dankbar für all das, was du hast.“ 

Vielen Dank von Herzen für dieses inspirierende Interview liebe Sara.

 

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